Der Ort der Berührung
- Sarla Klee
- 13. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Nicht das flüchtige Jetzt,
das rinnt wie Sand durch offene Hände,
ist gemeint,
wenn wir vom Moment sprechen.
Es gibt einen Ort
jenseits der wandernden Sekunden,
wo Zeit innehält
und doch nicht stirbt.
Dort berührt das Ewige
das Gewordene.
Die Gegenwart ist kein Punkt im Kalender der Welt,
sondern der stille Mittelpunkt,
in dem alle Kreise ruhen.
Ein Tor ist sie,
unscheinbar und weit,
durch das das Unendliche
in die Stunde tritt.
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Der Moment ist kein Gast aus der Zukunft,
kein Schatten der Vergangenheit.
Er ist der Durchgang,
durch den das Verborgene atmet.
Hier wirkt Bewusstsein,
nicht als Gedanke,
nicht als Wille,
sondern als waches Sein.
In diesem Augenblick
trägt alles Sein sein Ganzes:
Materie und Traum,
Zeit und Ursprung,
Form und das Formlose.
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Der Körper weiß diesen Ort.
Er kann ihn nicht verlassen.
Er wandert nicht,
er plant nicht,
er erinnert sich nicht.
Er ist.
Durch seine Nerven
spricht eine stille Weisheit,
älter als Sprache,
schneller als Denken.
Eine wahrnehmende Intelligenz
lauscht im Fleisch der Welt
auf das, was ist.
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Das Ego zieht fort
in seine Geschichten aus Gestern und Morgen.
Es will beherrschen,
verstehen,
sich sichern.
Doch der Körper bleibt.
Und im Bleiben
öffnet sich das Hören.
Ein leiser Druck im Raum,
eine Enge ohne Namen,
eine plötzliche Weite –
so spricht das Unsagbare.
Nicht als Befehl,
sondern als Hinweis.
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Viele suchen die Gegenwart
durch Mühe,
durch Stilllegung des Denkens,
durch das Ordnen der Gefühle.
Doch die Gegenwart ist kein Ziel.
Sie ist der Grund,
auf dem alles geschieht.
Sie fordert nichts.
Sie öffnet.
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Wenn Stress aufsteigt,
wenn das Herz schneller spricht,
wenn Gedanken sich drängen,
ist der Moment nicht verloren.
Gerade dann
wird das Ganze wach.
Wahrnehmende Göttliche Intelligenz.
Subtile Bewegung wird zur Erkenntnis.
Die Gegenwart umfasst lebendigkeit.
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Vergangenheit bindet durch Gewohnheit.
Zukunft fesselt durch Erwartung.
Nur die Gegenwart
ist offen.
Nicht wir verwandeln uns.
Die Wandlung geschieht,
wenn wir nicht mehr ausweichen.
Hier kann der Wille
aufhören zu kämpfen.
Hier beginnt er zu lauschen.
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Die gewöhnliche Selbstbestimmtheit
kennt diesen Ort nicht.
Sie reagiert,
verteidigt,
plant.
Doch eine andere Selbstbestimmtheit
wird geboren im Jetzt:
eine, die nicht stößt,
sondern übereinstimmt.
Sie handelt nicht aus Reflex,
sondern aus Wahrheit.
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Jeder Moment
trägt das Siegel der Wandlung.
Jeder Augenblick
ist eine mögliche Hingabe.
Nicht durch Anstrengung,
sondern durch waches Dasein
öffnet sich das Tor.
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So ist die Gegenwart
der lebendige Berührungspunkt
zwischen Zeit und Ewigkeit.
Und jeder Moment,
still oder stürmisch,
trägt in sich
das unerschöpfliche Potenzial
des Werdens.



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