Das Leben als Labor des Bewusstseins
- Sarla Klee
- 28. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Wird das Leben integral betrachtet, zeigt sich, dass das menschliche Wesen weit größer ist als das Bild, das es gewöhnlich von sich trägt. Aus diesem erweiterten Blick heraus knüpft die annahme des integralen Yoga an, wie ihn Sri Aurobindo beschreibt – ein geistiger Yoga des Bewusstseins, der alle Ebenen des Daseins einbezieht.
In diesem Weg öffnet sich das Bewusstsein Schritt für Schritt. Jede Öffnung bringt eine neue Herausforderung hervor. Auch dort, wo keine Öffnung geschieht, liegt eine Herausforderung.
Alles zusammen bildet das Labor des Bewusstseins ein integrales Dasein, in dem sämtliche Ebenen durchdrungen werden – ein fortwährendes Wachsen und Sich-Weiten.
In früheren spirituellen Traditionen wurde oft gelehrt, die Welt müsse verlassen werden, um frei zu sein. Die Welt galt als Maya, als Illusion. Das Ziel war das Eingehen ins Nirvana, das Zurückziehen aus der Erscheinung.
Im integralen Verständnis hingegen geht es nicht um Entkommen, sondern um Verwandlung. Nicht um Rückzug aus der Welt, sondern um Wandlung innerhalb der Welt – im eigenen Wesen und im gesamten Dasein.
Die Welt kann als göttlich verstanden werden. Ihre Erscheinungsform mag anderen Gesetzmäßigkeiten folgen, doch ihre Essenz ist Ausdruck des Göttlichen. Als Manifestation des Göttlichen kann sie nicht verworfen werden, ohne zugleich das eigene Sein zu verwerfen.
Das Leben selbst erweist sich als Praxis – als Wirken eines „Lebensmeisters“. Die Erfahrung, dass „nichts falsch ist“, kann zu einer grundlegenden Verschiebung führen. Wenn nichts grundsätzlich falsch ist, verliert auch das eigene So-Sein den Stempel des Mangels.
Konflikte, Unsicherheiten, Grenzen und Reaktionen erscheinen dann nicht mehr als Fehler, sondern als Material zur Umwandlung. Jeder Ärger, jede Verletztheit, jeder Neid wird zum Rohstoff im Prozess der Läuterung. Jede Begegnung offenbart, wo das Bewusstsein noch nicht frei ist von materieller Unbewusstheit.
Dies ist das geistige, integrale Yoga. Alle Wesensanteile sind einbezogen – das Mentale, das Vitale, das Physische, das Soziale, das Materielle.
Ein Erwachen im Herzen genügt nicht, wenn das Mentale und Vitale nicht mitwachsen. Mentale "Klarheit" allein genügt nicht, wenn das Herz verschlossen bleibt. Alle Teile müssen gesammelt und geläutert werden – und das Leben selbst bringt jene Situationen hervor, in denen genau dies geschieht.
In manchen Bereichen ist Reifung weiter fortgeschritten, in anderen weniger. Das ist kein Mangel, sondern Ausdruck eines organischen Wachstumsprozesses.
„Ich bin das, was ist“ – dieser Satz beschreibt die Annahme der Gegenwart.Mit Unsicherheit oder Klarheit, mit Zittern oder Kraft – das, was ist, ist der Ausgangspunkt der Läuterung.
Das Leben selbst formt und konfrontiert. Gleichzeitig spielt die innere Haltung im Handeln eine wesentliche Rolle. Handlungen, die aus egozentrischer Motivation entstehen, tragen andere Früchte als Handlungen, die als Darbringung an das Göttliche geschehen.
Nicht die äußere Tätigkeit entscheidet, sondern die innere Ausrichtung.
Doch unabhängig davon wird alles letztlich in den Prozess der Läuterung einbezogen. Nichts ist vergeblich.
Zusammengefasst lässt sich sagen:
Der Marktplatz ist ebenso Übungsfeld wie die Höhle. Begegnung ist ebenso Offenbarung wie Meditation. Das Leben ist kein Hindernis, sondern die Werkstatt des Göttlichen.
Der asketische Weg sucht den Rückzug aus der Welt.
Der integrale Weg sucht ihre Verwandlung.
Nicht Stille im Rückzug, sondern Stille im Handeln.
Nicht Weltflucht, sondern Transformation des irdischen Bewusstseins.
So findet das neue Bewusstsein seinen Raum im materiellen Dasein –nicht außerhalb der Welt, sondern mitten in ihr.


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