Unwissenheit
Der Mensch hat vergessen.
Er hat vergessen,
woher er kommt,
und worin er lebt.
Er hat die Welt betrachtet
und geglaubt,
sie sei das,
was er selbst aus ihr gemacht hat.
Er hat sich selbst betrachtet
und geglaubt,
er sei das,
was er von sich sehen kann.
Doch tief in ihm
ist etwas geblieben.
Eine Erinnerung,
die kein Gedanke ist.
Eine Sehnsucht,
die keinen Namen braucht.
Nach Wahrheit.
Nach Liebe.
Nach Freiheit.
Nach Frieden.
Eine leise Erinnerung in ihm weiß noch.
Und so beginnt der Weg.
Nicht weil der Mensch weiß,
wohin er gehen muss.
Sondern weil die innere Erinnerung in ihm
gerufen wird.
Manchmal durch einen Schmerz.
Manchmal durch eine Schönheit.
Manchmal durch einen Augenblick,
in dem die Welt plötzlich still wird.
Und für einen Moment
ist es da,
das sich nicht erklären lässt.
Ein Licht.
Eine Gegenwärtigkeit.
Eine Liebe,
die nichts besitzen will.
Eine Einheit,
in der die Grenzen
für einen Augenblick verschwinden.
Dann kehrt das Alte zurück.
Die Gedanken.
Die Angst.
Der Zweifel.
Die Trennung.
Und der Mensch versucht,
das Verlorene wiederzufinden.
Er sucht den Zustand.
Er sucht die Antwort.
Er sucht den Weg.
Doch das, wonach er sucht,
lässt sich nicht erzwingen.
Die innere Erinnerung nicht darauf,
gemacht zu werden.
Die innere Erinnerung wartet darauf,
empfangen zu werden.
Und so beginnt der Mensch,
stiller zu werden.
Nicht weil er die Stille macht.
Sondern weil etwas in ihm
aufhört, so laut zu sein.
Und in dieser Stille
entsteht Raum.
Ein Raum,
der immer da war.
Ein Raum,
in dem das Licht
nicht von außen kommt.
Es war schon da.
Es wird nur sichtbar.
Und mit diesem Licht
beginnt sich etwas zu verändern.
Nicht nur der Gedanke.
Nicht nur das Gefühl.
Nicht nur die Seele.
Der ganze Mensch.
Das, was bisher getrennt erschien,
beginnt sich zu verbinden.
Das Alte wird nicht verworfen.
Es wird verwandelt.
Das Gefäß wird erneuert.
Nicht damit etwas Fremdes
in es hineingegossen werden kann,
sondern damit sichtbar werden kann,
was durch dieses Gefäß
schon immer hindurch wollte.
Der Mensch beginnt zu erkennen:
Er ist nicht das Ende.
Er ist ein Übergang.
Etwas Neues
will durch ihn hindurch
geboren werden.
Und vielleicht wird es zuerst
gar nicht verstanden.
Vielleicht wird es einfach gelebt.
Ein anderes Lieben.
Ein anderes Sehen.
Ein anderes Sein.
Eine Wahrhaftigkeit,
die nichts beweisen muss.
Eine Wahrheit,
die nicht gegen eine Unwahrheit kämpfen muss.
Ein Bewusstsein,
das die Unwissenheit nicht erniedrigt,
sondern sie in sich aufnimmt
und verwandelt.
Und was im Menschen geschieht,
bleibt nicht im Menschen.
Das Licht,
das in einem Menschen erwacht,
berührt die Welt.
Die Welt beginnt sich zu erinnern.
Vielleicht war auch das Vergessen
Teil des Weges.
Vielleicht war das Ewige
die ganze Zeit am Werk.
Und vielleicht ist das,
was wir vor unseren Augen sehen,
nicht nur das Ende einer alten Welt.
Vielleicht ist es
die Geburt einer neuen.
Noch nicht verstanden.
Noch nicht sichtbar.
Aber bereits spürbar.
Das Unerwartete
steht nicht vor der Tür.
Es ist bereits Gegenwärtig.
Und vielleicht bedeutet
das Unerwartete erwarten
nicht, auf etwas zu warten.
Vielleicht bedeutet es,
still genug zu werden,
um zu empfangen,
was sich
aus sich selbst,
in sich selbst
und durch uns
zu gebären beginnt.



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